Sprachen

Sie sind hier

Was ist VingTsun eigentlich?

Aus der Sicht von Ving Tsun Kung Fu Meister Sifu Ulrich Stauner, Privatschüler von Grandmaster Gary Lam

"Ving Tsun is never good looking. Ving Tsun is only good using"

So sagt mein Lehrer immer, und er hat Recht. Ving Tsun Kung Fu ist nicht sehr schön anzuschauen, dafür aber das beste im realen Kampf wenn es darauf ankommt. Entwickelt wurde Ving Tsun Kung Fu laut Legende vor ca. 300 Jahren von einer chinesischen Nonne aus dem Shaolin-Kloster.

Damals wie heute ist Ving Tsun Kung Fu ausschließlich für die Selbstverteidigung gedacht und nicht für einen Wettkampf oder einer Show. Auch Käfigkämpfe und UFC sind Wettkämpfe. Auch wenn die Regeln drastisch gekürzt wurden ist immer noch ein Ringrichter da, ein Zeit-u. Gewichtslimit vorhanden, und die gefährlichsten Waffen des Ving Tsun Kung Fu dürfen nicht benutzt werden, um den Gegner im Ring zu schützen.

In einer Auseinandersetzung auf der Straße interessiert es meinen Gegner einen feuchten Kehrricht ob ich einen körperlichen Schaden davontrage oder sogar mein Leben verliere.

Ein weiteres Argument, alle Waffen die ich habe, einzusetzen, ist, wenn ich zu Boden gehe, dass ich dann in der Regel schon verloren habe. Es gibt kaum noch Kämpfe, die wie ein Duell, Mann gegen Mann ausgetragen werden.

In den meisten Fällen hab ich zwei oder mehr Gegner gegen mich, was heißt, alles zu versuchen, nicht zu Boden zu gehen. Am Boden ist es das gleiche, als wenn ich mit dem Rücken zur Wand stehe. Da kann ich nicht mehr wegrennen, was notwendig wäre um meine Gesundheit zu bewahren.

Ein Kampf gegen mehrere Gegner ist größtenteils aussichtslos. Außerdem, wer will schon am Boden kämpfen, wenn der Untergrund Asphalt ist, auf dem ich mich ziemlich verletzen kann? Oder mit teurer Kleidung sich in eine Pfütze oder den Dreck werfen? Oder stellen sie sich vor sie liegen am Boden und drei oder vier Angreifer spielen mit ihrem Kopf Fußball? Was ja in unserer ach so zivilisierten Zeit gang und gäbe ist. Also, bleiben sie stehen.

Ein anderes Argument Ving Tsun Kung Fu zu betreiben, war die Genialität dieses bis zur Perfektion ausgeklügelten Systems der Selbstverteidigung. Ving Tsun Kung Fu kann man betreiben wie Schachspielen. Die sich ergebenden Schachzüge ändern sich unendlich. Jeder Gegner reagiert anders.

Selbstverständlich liegt es bei jedem selbst, wie gut er wird. Es hängt ausschließlich davon ab wie fleißig jemand trainiert und wie intensiv er sich mit dem System beschäftigt. Es gibt heut zu Tage die verschiedensten Ving Tsun Kung Fu Stile von denen die meisten behaupten, ihres ist das Beste.

Heimlich gehen diese aber dann zu anderen Meistern um sich weiterzubilden oder bessern es mit " Bodenkampf" a la Jiu Jitsu auf, was es im Ving Tsun Kung Fu nicht gibt. Es gibt kein Bestes Ving Tsun Kung Fu. Es gibt nur Ving Tsun Kung Fu. Es gibt nur bessere oder schlechtere Kämpfer, bzw. der eine ist ein besserer Kämpfer und kann dafür seine Technik nicht so gut vermitteln während der andere gut unterrichten kann und vielleicht nicht so gut im Kämpfen ist.

Ving Tsun Kung Fu wurde nicht erfunden um gegen Ving Tsun Kung Fu zu kämpfen, sondern um die damals existierenden Stile der feindlichen Regierung besiegen zu können. Doch das scheinen viele vor lauter Geld scheffeln zu wollen noch gar nicht registriert zu haben.

Ein nicht außer Acht zu lassender Grund Ving Tsun Kung Fu zu betreiben , ist die verhältnismäßig schnelle Selbstverteidigungsfähigkeit von ca. sechs Monaten bei regelmäßigem Training. Kein anderes System macht sie so schnell verteidigungsfähig.

Das gilt für Männer wie für Frauen in gleichem Maße. Der Grund dafür ist, das es nicht eine unübersichtliche Anzahl an verschiedenen Techniken gibt, sondern die wenigen ausgeklügelten in unendlicher Weise kombinierbar sind. Auch gibt es im Ving Tsun Kung Fu nur sechs Formen, die alle Techniken beinhalten. Vier Waffenlose und zwei Waffenformen, die in ihrer Abfolge so aufgebaut sind, dass sie die vorhergegangene verbessern bzw. in ihrer Anwendbarkeit verstärken.

Das heißt, ein Anfänger beginnt mit der ersten Form ( Siu Lim Tao ) der Basis und arbeitet sich langsam der Reihe nach zu den anderen Formen vor. In der Regel sollte ein Schüler nach fünf bis sechs Jahren mit den waffenlosen Formen abgeschlossen haben, da es keine Geheimniskrämerei bei uns gibt.

Nach ca. einem Jahr beginnt der Schüler in der Regel mit dem Chi Sao (klebende Arme), einer Art Gefühls-Training für die Arme. Das heißt, der Schüler lernt auf Druck und Richtung des Angreifers zu reagieren, was ihm erlaubt, nachdem er Kontakt mit den Armen des Gegners aufgenommen hat, blind zu kämpfen, da er den Kontakt zum Gegner nicht mehr aufgeben würde. Der Kopf bzw. Körper befindet sich immer zwischen den Armen.

Viele haben immer noch nicht verstanden, dass Chi Sao kein Kampf ist, bei dem ich versuche meinen Trainingspartner so oft als möglich zu schlagen, sondern ein reines "Fühlen lernen" ist.

Aus meiner Erfahrung kann ich dazu sagen: Wer gut am Gegner "kleben" bleiben kann, kann sich gut verteidigen. Wer sich gut vom Gegner "lösen" kann, kann ihn gut angreifen.

Ein weiterer Vorteil des Chi Sao ist, dass beide Arme unabhängig von einander reagieren bzw. agieren lernen womit jeder Angreifer ein fast unlösbares Problem bekommt.

Vor einer Kontaktaufnahme der Arme liegt der Vorteil im Ving Tsun Kung Fu darin, dass Angriff und Verteidigung simultan also immer gleichzeitig ausgeführt werden. Mein Angreifer wird also schon getroffen, während er noch gar nicht mit einem Konter rechnet. Nämlich sofort.

Das war und ist in allen Ving Tsun-Stilen, die ich erlernt habe, gleich.

Was ein großes Problem in den Ving Tsun-Schulen ist, ist die Auffassung des Schülers. Er glaubt, mit seinem Beitrag kauft er sich die Techniken oder den Lehrer. Das ist ein großer Irrtum.

Der Neuling wird als Schüler aufgenommen und nicht als Kunde, der was kaufen will. Der Lehrer (Sifu) ist kein Trainer, der jemand unterhalten will. Der Schüler kommt um von einem Meister etwas zu lernen. Wer in eine Kung Fu-Schule kommt um sich die Zeit zu vertreiben, ist hier am falschen Platz. Wer sich die Zeit vertreiben will, sollte zum Ballspielen gehen oder sich vor den Fernseher setzen.

Kung Fu heißt übersetzt in etwa "sich in Etwas gut machen oder hart an einer Sache arbeiten"! Ein Ving Tsun Kung Fu-Lehrer ( Meister ) hat in der Regel mehrere Jahrzehnte Erfahrung und Wissen , das er nun den Schülern weiterzugeben versucht, die zu ihm kommen um von seinem Wissen und Können zu lernen und zu profitieren.

Zum anderen hat in der heutigen Zeit auch ein Ving Tsun-Meister seine Raummiete zu bezahlen und für seinen Unterhalt aufzukommen, was früher seine Schüler übernommen haben. Was heißen soll: Ohne Beitrag geht es nicht mehr.

Ving Tsun Kung Fu lässt sich durchaus auch ins normale Leben integrieren. Ein Ving Tsun - Kämpfer nimmt immer die Technik, die den meisten und schnellsten Erfolg verspricht, was nicht heißen mag, dass es auch immer der bequemste Weg ist.

Da sich Ving Tsun-Kung Fu nicht mit akrobatischen Techniken abgibt, (hohe Kicks, Saltis und Sprünge) kann es bis ins hohe Alter praktiziert werden. Hier steht dann nicht mehr der Kampf oder die Selbstverteidigung im Vordergrund, sondern "die eigene Gesundheit und das sich Gedanken machen über das Logische im System"!

Was ja nun nicht heißen soll, sich erst im Alter Gedanken darüber zu machen. Ving Tsun Kung Fu ist also ein Kampfsystem, dass mehr beinhaltet als nur gut und sicher zu kämpfen. Wobei dies aber durch die perfekte und logische Technik immer eine angenehme Begleiterscheinung sein wird.

Ving Tsun Kung Fu ist wie eine perfekte Versicherung. Gut, wenn ich sie nicht brauche. Doch wenn, dann ist sie da.

Wehe dem, der uns dann angreift. Ein Ving Tsun-Clansmen wird niemals dastehen wie ein Lamm an der Schlachtbank.

Derjenige, der uns angreift, muss mit verheerenden Konsequenzen rechnen.

Denn, hätte er uns nicht angegriffen, wäre ihm nichts passiert.

Ving Tsun basiert auf einer Reihe von Prinzipien und Konzepten.

  • Gleichzeitigkeit von Angriff und Abwehr
  • Zentrallinienprinzip
  • Ausrichtung auf den Gegner
  • Sparsamkeit der Bewegung

usw.

Das Ving Tsun Kung Fu fußt im Großen und Ganzen auf den sechs Formen, die da wären:
3 waffenlose Formen

  • Siu Nim Tao
  • Chum Kiu
  • Biu Tse

1 Form mit einem Trainingsgerät

  • Muk Jan Chong ( Wooden Dummy)

2 Waffenformen

  • Luk Dim Poon Kwan(Langstock)
  • Baat Chum Do(Doppelmesser)

In diesen Formen erlernt und übt man grundlegende Bewegungsmuster und Verhaltensweisen. Diese Formen sind festgeschriebene Bewegungsabläufe, die der Schüler ohne Partner ausführt.

Die Formen bauen aufeinander auf und unterstützen sich gegenseitig.

In der ersten Form werden die grundlegenden Prinzipien und Bewegungsabläufe herausgenommen und in einfachen Kombinationen geübt. Sie stellt somit die Basis des Ving Tsun dar.

In der zweiten Form wird die Basis erweitert. Sie enthält die ersten kombinierten Prinzipien, Fußtechniken, Schrittmuster und komplexere Bewegungsabläufe. Hier kommen Rotationen und Gleichgewicht ins Spiel.

Die Biu Tse zeigt Konzepte, wenn man einen Fehler begangen hat, diesen zu korrigieren, um den Kampf trotzdem weiterführen zu können.

Die Holzpuppenform hilft uns Winkel und Positionen zu verbessern. Sie zeigt uns in beeindruckender Weise unsere Fehler auf und hilft uns diese zu korrigieren. Sie ist die einzige Ving Tsun - Form, die ein Trainingsgerät (Stamm mit Armen u. Bein) nutzt.

Die Langstockform unterstützt in geradezu hervorragender Weise die waffenlosen Formen. Sie stabilisiert die Hüfte und formt die Armstruktur.

Die Baat Chum Do (die acht Wege der Messer) führt uns zu den Klingenwaffen im Ving Tsun. Die Messer im Ving Tsun werden immer paarweise benutzt. Sie erweitert das Ving Tsun um weitere für den Kampf unbedingt notwendige Prinzipien, Konzepte sowie weitere Schrittmuster.

In den verschiedensten Stilrichtungen variieren die Formen zum Teil erheblich.

Da Ving Tsun ein Nahkampfsystem ist, wird das Chi Sao (klebenden Arme) als die Seele des Ving Tsun betrachtet.

Diese Trainingsart zeigt in beeindruckender Weise wie flexibel im Ving Tsun reagiert werden kann. Man erlernt, wie die einzelnen Bewegungen in den unterschiedlichsten Situationen verwendet werden können. Kleinste Arm - u. Positionsänderungen ergeben neue Situationen um die erlernten Bewegungsmuster nutzbringend zu verwenden. Ebenso unterstützen uns die verschiedensten Schrittmuster im Chi Sao, um die Angriffseiten zu wechseln.

Ving Tsun ist eine äußerst effiziente Kampfkunst in der man auf vom Angreifer initiierte Aktionen reagiert.

Ving Tsun ist ein ausgeklügeltes und flexibles Kampfsystem, dass seine Zeit zum erlernen und verstehen benötigt und nicht innerhalb von nur wenigen Monaten erlernbar ist.

  • Zugriffe seit dem 22. November 2004

  • 0289181
  • ©Copyright by Ulrich Stauner Ving Tsun Kung Fu 2004-2018

Theme by Danetsoft and Danang Probo Sayekti inspired by Maksimer